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Trostlose Nächte im Berliner Nichts - Kölner Stadt-Anzeiger
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Helene Hegemann

Trostlose Nächte im Berliner Nichts

Von Thorsten Keller, 27.01.10, 14:27h, aktualisiert 22.02.10, 13:46h

Eine 17 Jahre junge Autorin wird als neues literarisches Wunderkind gefeiert. Dabei ist Helene Hegemanns Romandebüt „Axolotl Roadkill“ ein eher sperriges Werk über einen kaputten Teenager.

Helene Hegemann
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Das ist teilweise nur geklaut: Helene Hegemann. (Bild: Sören Stache)
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Das ist teilweise nur geklaut: Helene Hegemann. (Bild: Sören Stache)
„Um 16.30 Uhr wache ich orientierungslos in einen Bettbezug gewickelt auf und bin in erster Linie von mir selbst gelangweilt." Dieser Satz im ersten Kapitel von „Axolotl Roadkill" ist typisch und untypisch zugleich für das Romandebüt der 17 Jahre jungen Berliner Autorin Helene Hegemann. Er beschreibt einerseits anschaulich die Ödnis und Antriebsarmut im Leben der 16-jährigen, mutterlosen Romanheldin Mifti, die sich der Schule verweigert und in deren Wohngemeinschaft mit den erwachsenen Halbgeschwistern Annika und Edmond es deutlich mehr Drogen als Putzmittel gibt.

Andererseits mag Mifti, aus deren Tagebuch-Einträgen und E-Mail-Verkehr der Roman collagiert ist, diese kurzen, auf den Punkt geschriebenen Sätze nicht so gerne. Sie breitet ihre Gedanken lieber mal ohne Punkt und Komma über eine halbe Buchseite aus, und reichert das Schreiben über die eigene Befindlichkeit (von ihrer Schwester als „Wohlstandsverwahrlosung“ benannt) mit bleischwerem Theorie-Ballast an - hier ein bisschen Focault, da ein wenig Feminismus. Mitmi erklärt das so: „Wie bei jeder drogenabhängigen Minderjährigen mit Reflexionsvermögen äußert sich mein Hang zur Realitätsflucht in einer ausgeprägten Lesesucht.“ So wie Lothar Matthäus („Der Muskel hat zugemacht“) versteht sich auch Mifti auf die Kunst, ihrem kaputtgefeierten Körper eine medizinische Diagnose zu stellen: „dissoziative Identitätsstörung“. Als Therapie verordnet sie sich (neben Heroin, Hasch und Ecstasy) unverbindlichen Sex, und handelt dabei weder entschieden lesbisch noch konsequent hetero.

Sympathisch ist anders

Ein altkluges Drogenwrack, das der Leser wahlweise verabscheuen oder bemitleiden kann: Helene Hegemanns Romanheldin ist nicht gerade eine Sympathieträgerin und das jugendliche Alter der Autorin und der Schauplatz Berlin werfen die Frage auf, ob hier womöglich eine neue Christiane F. an den Start gegangen ist und ihre Junkie-Biografie veredelt. Hegemann verwahrt sich dagegen - sie nimmt keine Drogen und hat keine Geschwister - und fragt, „warum Leute sich das Recht rausnehmen, mir zu unterstellen, es ginge da um mich.“ Sie nennt "Axolotl Roadkill" einen „nach üblichen Standards entwickelten Unterhaltungsroman“.

Wenn das so stimmt, ist es der erste Unterhaltungsroman, der in den Feuilletons des Landes einen derart kollektiven Begeisterungstaumel ausgelöst hat. Georg Diez schrieb in der SZ zwar von einem „Herdentrieb“ der Literaturkritiker, lobhudelte aber trotzdem kräftig mit. Der Begriff „Wunderkind“ zog sich wie ein roter Faden durch die Besprechungen. Helene Hegemann - ihr Vater Carl war lange Chefdramaturg an der Volksbühne - hat bereits im Winter 2007/08 ein von ihr geschriebenes Theaterstück („Ariel 15“) in Berlin inszeniert und mit dem Low-Budget-Film „Torpedo“ für Furore gesorgt.

In nur 40 Minuten fegte „Torpedo“ so wuchtig und mitleidlos wie ein Polizei-Wasserwerfer durch das Neu-Berliner Leben, durch eine „linksresignative“ Kunst- und Theaterszene und ein Nachtleben, in dem alle Hemmungen fallen. Diese Motive finden sich nun auch in Hegemanns Roman: Die wacker durchgefeierten, aber letztlich trostlosen Nächte in Clubs wie dem (namentlich nicht genannten, aber erkennbar beschriebenen) „Berghain“ gehören zu den besten Passagen des Buches – wenn Mifti nicht nur um sich selbst kreist, sondern auch ihre Umgebung scannt. Ihre Urteile sind von unbestechlicher Härte: Die 20-jährige Verlobte eines zweieinhalb mal so alten Mannes etwa ist „entweder geistig behindert oder auf einen Pelzmantel scharf“. Helene Hegemann hat also auch Humor, man muss ihn in „Axolotl Roadkill" allerdings mit der Lupe suchen.

Wie ein schwerer Schatten verdüstert Mitmis Vergangenheit ihre ziellosen Exkursionen ins Berliner Nichts – der Tod der Mutter, dem eine lange Agonie in Alkoholismus und Psychose voranging. Das befeuert nicht nur die Spekulationen über die autobiografischen Anteile des Buches (Hegemann ist Halbwaise), es gibt dem Roman auch eine existenzielle, tiefschwarze Grundierung, die in einem hasserfüllten Brief aus dem Nachlass der Mutter gipfelt. Bei dieser furiosen Schusspointe muss sich der Lektor allerdings im Tiefschlaf befunden haben. Nach Art altkluger Schüler (oder Wunderkinder) hat Helene Hegemann diese Schock-Passage einfach von der britischen Rockband Archive geklaut und deren Songtext „Fuck U“ ins Deutsche übersetzt, ohne Quellenangabe.

Helene Hegemann: „Axolotl Roadkill“, Ullstein, 208 Seiten, 14,95 Euro



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