Am Vormittag des zweiten Tages beginnt es zu nerven. Helmut Schmidt erwähnt seine Tätigkeit im Beirat des japanischen Kulturpreises "Praemium imperiale", der in fünf Kategorien vergeben wird. Vier davon zählt er auf, "den fünften habe ich vergessen". Umso besser erinnert sich der Alt-Bundeskanzler an all die "weltbekannten Leute", die er als Beiratsmitglied treffen konnte. Und selbstredend sind die viel interessanter, als zu erfahren, dass es besagten fünften Preis für Theater/Film gibt. Dafür haben Schmidts Leser schließlich den Brockhaus, Google oder Wikipedia. Aber was ist das für ein Buch, das zur Lektüre mit Konversationslexikon oder Laptop auf den Knien zwingt?
Es geht in dem auf sechs halbe Tage verteilten Dialog zwischen Schmidt (91) und seinem Freund Fritz Stern (84) um die Geschichte des 20. Jahrhunderts, die der "deutsche Politiker außer Dienst" und der amerikanische Historiker deutscher Herkunft miterlebt, mitgestaltet und erforscht haben. Es geht um das deutsch-amerikanische Verhältnis, die Ursachen der Nazi-Herrschaft, die Sozialdemokratie und um gefühlte 100 weitere Themen. Persönliches mischt sich mit Grundsätzlichem, das Anekdotische mit dem Analytischen. Mit buchhalterischer Akribie arbeitet Schmidt die Stichworte ab, ruft bei Abschweifungen zur Ordnung, unterbricht, würgt ab: "Lassen Sie uns das Thema verlassen, Fritz. Da kommt nichts Positives mehr raus."
Ein jegliches Wort aus des Alt-Kanzlers Mund hat in Deutschland inzwischen Offenbarungs-Charakter. Deshalb hat sich der Beck-Verlag entschlossen, das Gespräch als eine Art Tonbandabschrift herauszugeben. Der Erfolg scheint der Methode Recht zu geben: Das Buch hat binnen weniger Tage die Charts gestürmt. "Alles, was ein lebendiges Gespräch ausmacht - das Kursorische, Mäandernde, Improvisierte - wurde so weit wie möglich beibehalten", betonen die Autoren im Vorwort. Der Text sollte "weder durch gelehrte Nachbesserung noch durch die Regeln der Hochsprache ins Prokrustesbett gezwängt werden". Hoch lebe die Ursprünglichkeit! Wer wagte da noch einzuwenden, dass die Wandlung des gesprochenen ins geschriebene Wort eine Kunst im Dienste des Lesers ist - eine Kunst, die dem Text weder Authentizität noch Lebendigkeit rauben muss.
Warum stattdessen auf beinahe einer Buchseite der Streit über die Entstehungsdaten der deutschen Sozialgesetze ausgetragen und dann am Ende per Fußnote aufgelöst wird, das goutiere, wer mag. Gewiss, der Leser hat den Ton im Ohr, in dem Schmidt mit hanseatischer Knappheit insistiert, korrigiert und - nach einem Zug an der unvermeidlichen Zigarette - inhaliert. Aber als literarisches Genre hat sich das Hörbuch auf Papier recht schnell verbraucht. Dann und wann schleicht sich gar verstohlen ein fürwahr schrecklicher Gedanke ein: dass manche Sätze bestenfalls als Altherrengerede durchgingen, wären sie nicht gleichsam in den Sockel eines lebenden Denkmals gemeißelt: Schmidts Raunen vom deutschen "Gen", das zum Nazi-Terror führte; der Lobpreis der NS-Wirtschaftspolitik und ihrer grandiosen Erfolge; das Lamento, in Deutschland wage "kaum einer Kritik an Israel zu üben aus Angst vor dem Vorwurf des Antisemitismus".
Geradezu atemlösend wirkt es demgegenüber, wenn Schmidt an anderer Stelle Kaiser Wilhelm II. unumwunden einen "Maulhelden" schimpft und einen "Scheißkerl". Sehr hübsch, wenngleich weniger deftig auch sein Aperçu zum gegenwärtigen FDP-Vorsitzenden: "Wie heißt er noch?"
In einem Wust an Namen, historischen Episoden und aktuellen politischen Einsprengseln droht fast verloren zu gehen, warum dieses Buch eben doch bemerkenswert ist: etwa wenn Stern, der aus Nazi-Deutschland emigrierte Jude, drängend nach den Gründen für den Holocaust fragt. Wenn Schmidt von der "Nichterklärbarkeit" spricht, die ihn "innerlich zutiefst" belaste, persönliches Wissen um KZs, Kristallnacht und Judenverfolgung bestreitet und bekennt, erst während des Krieges begriffen zu haben, dass die Nazis keine Verrückten, sondern Verbrecher waren. Wenn Stern ihm daraufhin leidenschaftlich in die Parade fährt - als Betroffener und als Wissenschaftler. "Nein, nein. Millionen von Deutschen müssen es gesehen haben." Überall da nimmt der Dialog den Leser gefangen an einem "point of no return" der Gegenwart: den Übergang von der Erlebnis- zur Erinnerungsgeneration.
In ihrem Gespräch schlüpfen Schmidt und Stern gewissermaßen abwechselnd in beide Rollen - eine reizvolle, aber dann auch schier unmögliche Versuchsanordnung. Dabei prallen die Haltung des Historikers und des Politikers gelegentlich aufeinander. Moralist und Pragmatiker: Der eine will wissen, "wie es eigentlich gewesen ist" (Leopold von Ranke) - und warum. Der andere stellt lapidar fest, so war´s halt.
Auf ihren weltgeschichtlichen Streifzügen gelangen die Geistesheroen zu einem tröstlichen Ende. Sie zeigen uns Normalsterblichen, dass rhetorisches Kräftemessen und intellektueller Einsatz eben doch nicht alles sind im Leben: "Fritz, ich schlage vor, dass wir nach vorne in die Kneipe gehen." Wohl bekomm´s.